Im Gespräch mit Gerhard Kämpfe und Jan Henric Bogen

Ab dem Kurt Weill Fest 2021 wird Gerhard Kämpfe die Intendanz des Kurt Weill Festes 2021 übernehmen und löst damit Jan Henric Bogen als Intendanten ab, der seinen Vertrag aus persönlichen Gründen vorzeitig beendete. Mit Gerhard Kämpfe konnte jemand für diese Aufgabe gewonnen werden, der bereits Erfahrung mit der Leitung des Festivals hat. 2018 und 2019 gehörte er zum Intendantenkleeblatt des Kurt Weill Festes. Ein Gespräch mit beiden Intendanten über das diesjährige Fest und die Pläne für das Kurt Weill Fest 2021.

 

Zunächst einmal ein Rückblick auf das diesjährige Kurt Weill Fest: Herr Bogen, sind Sie zufrieden mit dem Kurt Weill Fest 2020? Was waren Ihre persönlichen Highlights?

Jan Henric Bogen: Ja. Es war – nicht nur wegen Corona – ein ganz besonderes Fest. Dennoch bin ich sehr zufrieden. Besondere Höhepunkte waren für mich das Eröffnungskonzert, „Unknown, I live with you“ von The Airport Society und natürlich „Youkali“, der Kurt Weill Abend von Artist- in-Residence Vladimir Korneev.

 

Warum waren gerade diese Auftritte ihre besonderen Höhepunkte?

Jan Henric Bogen: Rolando Villazón hat unter der Leitung von Thomas Neuhoff eine maßstabsetzende Interpretation der Walt Whitman Lieder gezeigt. „Unknown, I live with you“, war ein Herzensprojekt von mir. Dieses Musiktheaterstück hat sehr relevante Themen in einer sehr heutigen Ästhetik verhandelt. Es war auch das erste szenische Werk beim Kurt Weill Fest, das von einer Frau, Katarzyna Glowicka, komponiert wurde — dafür wurde es 2020 auch Zeit. Vladimir Korneev hat bereits von seinem ersten Auftritt an alle denkbaren Erwartungen an einen Artist-in- Residence übertroffen. Er hat sich so tiefgründig und persönlich mit den Werken Weills beschäftigt und damit das verwirklicht, wovon ich geträumt habe: Ohne seinen persönlichen Stil zu verleugnen, ist er zu einem großen Weill-Interpreten geworden.

 

Sie haben sich für 2020 insbesondere zum Ziel gesetzt, das Publikum zu verjüngen. Ist Ihnen das gelungen?

Jan Henric Bogen: Definitiv! Dafür sorgten sowohl Vladimir Korneev, ein relativ junger Artist-in- Residence, als auch Künstler wie Julia Engelmann. Ich bin überzeugt, dass das Konzert von Julia Engelmann im ausverkauften Steintorvarieté in Halle viele junge Menschen das erste Mal zu einer Veranstaltung des Kurt Weill Festes gebracht hat. Ich bin gespannt, was diesbezüglich in den nächsten Jahren passiert und hoffe, dass auch mein Nachfolger an der Verjüngung des Festivals festhält.

 

Herr Kämpfe, sehen Sie dies genauso? Würden Sie die Entwicklung begrüßen und weiter ausbauen wollen?

Gerhard Kämpfe: Diese Hoffnung von Herrn Bogen kann ich bestätigen. Ich denke übrigens, dass es ein grundsätzliches Problem der deutschen Theaterlandschaft ist. Hier muss etwas passieren. Gerade im Sprechtheaterbereich aber auch bei der klassischen Musik inklusive der Oper müssen wir feststellen, dass der Anteil an jungem Publikum verhältnismäßig gering ist. Das ist höchstbedauerlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass wenn man jüngere Leute auf ein Konzert, Theaterstück oder eine Oper ein wenig vorbereitet und mitnimmt, dann ist das Interesse schon gegeben. Hier könnten uns natürlich auch die modernen elektronischen Medien wie social media behilflich sein. Darüber machen wir uns auch intensiv Gedanken.

 

Das diesjährige Fest hatte sich die Frage „Was sind Grenzen?“ auf die Fahne geschrieben. Damit wollten Sie unsere Künstler und auch das Publikum zum Nachdenken animieren. Glauben Sie, dass Ihnen dies gelungen ist? Gibt es für Sie eine Antwort auf: „Was sind Grenzen?“

Jan Henric Bogen: Die verschiedenen Antworten, die wir von den Künstlern und dem Publikum per Video, E-Mail und natürlich in direkten Gesprächen empfangen haben, zeigen mir, dass da doch viel nachgedacht wurde – und dass das mit den Grenzen eben nicht so leicht ist. Um es vorweg zu nehmen: Nein, die eine Antwort gibt es für mich nicht. Was mich fasziniert ist, wie sich der Begriff im Wandel der Zeiten verändert hat. In meiner Vorbereitung ging es bei den Grenzen primär um den Fall der Mauer und Migration. Dann wurden wir auf einmal mit Klimagrenzen konfrontiert und als wir das Fest abbrechen mussten, hatten wir es mit Abstandsgrenzen zwischen Menschen zu tun. Dies alles zeigt, dass der Begriff Grenzen wahnsinnig ambivalent ist und worüber ich mich sehr freue ist, dass wir so viele Facetten hiervon erfahren haben.

 

Welche Interpretationen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Jan Henric Bogen: Generell waren sich alle Künstler einig, dass Kunst Grenzen überwinden lässt –
dies war auch das Ziel der meisten und hat mich sehr gefreut!

 

Nun eine Frage an Sie beide: Auch das kommende Festivalmotto 2021 ist mit einem Fragezeichen versehen. Was kann sich das Publikum unter dem neuen Motto vorstellen?

Gerhard Kämpfe: Das Thema Heimat ist nach wie vor hochaktuell. Vor ca. 2.000 Jahren hat der römische Dichter Tacuvius den Satz „Ubi bene, ibi patria“ geprägt. Also ungefähr: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland.“ In unserem Kontext setze ich mal Vaterland oder Mutterland mit Heimat gleich. In Zeiten, in denen zig Millionen Menschen aufgrund von Kriegen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen müssen, um gegebenenfalls eine neue zu finden, ist diese Frage „Wo ist Heimat?“ von ganz besonderer Bedeutung. In Bezug auf das Kurt Weill Fest kann man diese Frage ganz besonders stellen, haben doch viele Künstler im vorigen Jahrhundert notgedrungen ihre Heimat verlassen müssen, was sich selbstverständlich auch auf ihr künstlerisches Schaffen ausgewirkt hat.

Und wie Herr Bogen schon angemerkt hat: Auch beim Thema Grenzen stoßen wir unausweilich auf die Themen Migration, Flucht und Exil. Man merkt also, dass die beiden Mottos zwangsläufig einen Bezug zueinander haben.

Jan Henric Bogen: Das Zitat des Dichters lässt sich ebenso gut mit dem Spruch „Home is where the heart is“ in Bezug setzen. Beides knüpft eher an ein Gefühl, an ein gewisses Wohlbefinden an. Vielleicht gilt aber doch eher ganz formal der Geburtsort als Heimat? Natürlich bietet das Kurt Weill Fest am Geburtsort Weills dafür die perfekte Grundlage, um über unser Motto zu sinnieren. Ebenso interessant ist der Begriff mit verschiedenen Kontexten: Heimatschutz, Heimatliebe, Heimatstolz … Für mich persönlich knüpft das neue Motto „Wo ist Heimat?“ direkt an das Motto von 2020 „Wo sind Grenzen?“ an.

 

Sie haben gemeinsam an dem Programm für das Kurt Weill Fest 2021 gearbeitet. Wie soll das neue Motto umgesetzt werden?

Gerhard Kämpfe: Gerade bei Kurt Weill spürt man deutlich, wie die jeweiligen neuen Kulturkreise, also erst Frankreich, dann die USA, sein künstlerisches Schaffen beeinflusst haben. Das gilt auch für andere Künstler aus seinem Umfeld, interessanterweise aber auch für Künstler in heutiger Zeit, die z. B. aus anderen Ländern zu uns kommen. Dies wollen wir nutzen, um den Geist Kurt Weills auch in die Saison 2021 zu tragen.

Jan Henric Bogen: Für mich ist Offenheit wichtig. Künstler sollen dazu inspiriert werden, dem Publikum ein Bild von ihrem Heimatbegriff zu geben. Ich denke aus diesem Mosaik entwickelt sich dann für das gesamte Festival ein Bild, das wir heute noch gar nicht kennen.

 

Herr Kämpfe, eine Frage bezüglich der aktuellen Situation. Wird es ein Kurt Weill Fest 2021 mit Sicherheit geben?

Gerhard Kämpfe: Ja, es wird ein Kurt Weill Fest 2021 geben. Die genauen Daten werden wir Ihnen zeitnah bekanntgeben.

 

In diesem Sinne bedanken wir uns bei unseren Intendanten für das Gespräch.

Wir laden Sie hiermit ganz herzlich ein, Ihre weiteren Fragen an Jan Henric Bogen und Gerhard Kämpfe per Mail oder in den sozialen Medien zu stellen. Wir würden die Fragen in einem zweiten Teil gerne beantworten. Über Ihr Interesse an unserem Fest freuen wir uns jederzeit!

 

 

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