Tischlerei Reinicke

Nutzt die Zeit, um zuzuhören – dem Ort, euch selbst, den anderen. Es geht nicht darum, sofort Ergebnisse zu produzieren. Die Bauhausresidenz ist ein Labor, kein Wettbewerb. Ihr müsst dort nichts „abliefern“, aber ihr habt die Chance, eure Arbeiten einem sehr offenen, interessierten Publikum zu präsentieren. Lasst euch irritieren, zweifelt, denkt andersrum. Und nehmt das Museum, die Geschichte und den Ort wahr – nicht nur als Inspirationsquelle, sondern als Resonanzraum. Die Geschichte des Ortes ist voller Brüche. Gerade darin liegt der Reiz.

Am Ende stellte ich eine Auswahl der Blätter, anhand derer man die Entstehung meiner Kompositionen nachvollziehen konnte, zusammen mit der Schreibmaschine im Meisterhaus Moholy-Nagy aus. Während die Besucher*innen dem musikalischen Teil meiner Arbeit lauschten, konnten sie anhand der Textfragmente durch den Entstehungsprozess wandeln und ihn so nachempfinden. Die Schreibmaschine ist seitdem fester Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit und die Erweiterung musikalischer Kompositionen durch diesen bildnerischen Aspekt ist Teil meiner künstlerischen Identität geworden. Ich sehe sie mir übrigens jeden Tag an – sie steht auf meinem Schreibtisch in meinem Atelier in Köln.

Das Interview

Die Zeit in Dessau war ein wunderbarer Bruch mit dem Alltag – ein konzentrierter,
geschützter Raum für Zweifel, Umwege und neue Gedanken. Es hat geholfen „out of the
box“ zu denken. Ich habe dort gelernt, mir wieder mehr Raum zu geben: für Recherche,
für Experimente, auch und vor allem fürs Scheitern, was ja dann auch zum Hauptthema
meines erabeiteten Materials wurde – der begehbaren Komposition.
Besonders wertvoll war auch der Austausch mit den anderen Künstler*innen, den
Mitarbeitenden der Stiftung Bauhaus Dessau und des Festivals – nicht aufgeregt oder
gezwungen, sondern im Alltag zwischen Küche, Atelier und Spaziergang. Die Ruhe und
die Magie des Ortes, die Geschichte, die im Material vibriert – all das hat etwas in mir
geöffnet, das geblieben ist und was zum Grundstein eines neuen Selbstverständnisses
geworden ist. Nicht weniger als das

Ich habe mich in Dessau noch entschiedener von klaren Kategorien entfernt. Statt
zwischen Kunst, Gestaltung und Musik zu trennen, habe ich angefangen, die Dinge
stärker ineinanderfließen zu lassen. Typografie wurde zu Klang, Sprache wurde Material,
die auf dem Weg nach Dessau gefundene Schreibmaschine wurde mein Instrument. Die
Residenz hat mich bestärkt, interdisziplinär zu arbeiten, ohne mich ständig erklären zu
müssen. Ich bin mutiger geworden, meine künstlerische Praxis radikaler zu denken – auch
politischer, komplexer, selbstbewusster.

Nutzt die Zeit, um zuzuhören – dem Ort, euch selbst, den anderen. Es geht nicht darum,
sofort Ergebnisse zu produzieren. Die Bauhausresidenz ist ein Labor, kein Wettbewerb. Ihr
müsst dort nichts „abliefern“, aber ihr habt die Chance, eure Arbeiten einem sehr offenen,
interessierten Publikum zu präsentieren. Lasst euch irritieren, zweifelt, denkt andersrum.
Und nehmt das Museum, die Geschichte und den Ort wahr – nicht nur als
Inspirationsquelle, sondern als Resonanzraum. Die Geschichte des Ortes ist voller
Brüche. Gerade darin liegt der Reiz.

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Ihr Team vom Kurt Weill Fest